# Bestimmung der Y-Rotationsachse aus Marker-Positionen ## Problem Wenn der Roboter um seine Y-Achse rotiert, bewegt sich jeder erkannte Marker auf einem **Kreisbogen** im 3D-Raum. Ziel ist es, Lage und Richtung dieser Rotationsachse aus den beobachteten Marker-Positionen (x, y, z) zu mehreren Zeitstempeln zu berechnen. --- ## Reichen zwei Positionen? **Nein.** Zwei Punkte P₁, P₂ desselben Markers definieren nur eine Strecke. Die Rotationsachse muss durch die senkrechte Mittelebene dieser Strecke laufen – aber *wo* genau in dieser Ebene und in welcher Richtung bleibt unbestimmt. Das System ist unterbestimmt. | Beobachtungen | Bestimmbar? | Begründung | |---|---|---| | 1 Marker, 2 Positionen | Nein | Achse liegt irgendwo auf einer Halbebene | | 1 Marker, 3 Positionen | **Ja** | Eindeutiger Umkreis → eindeutige Achse | | N Marker, je ≥ 3 Positionen | Ja, überbestimmt | Least-Squares, robuster gegenüber Messrauschen | --- ## Mathematik: 1 Marker, 3 Positionen Gegeben: P₁, P₂, P₃ ∈ ℝ³ (derselbe Marker zu drei verschiedenen Rotationswinkeln). Da die Rotation starr ist, liegen P₁, P₂, P₃ auf einem **Kreis**, dessen Ebene senkrecht zur Rotationsachse steht. ### Schritt 1 – Achsenrichtung (Normalenvektor der Kreisebene) ``` v₁ = P₂ − P₁ v₂ = P₃ − P₁ n = (v₁ × v₂) / |v₁ × v₂| ← Einheitsvektor entlang der Rotationsachse ``` ### Schritt 2 – Mittelpunkt des Kreises (Umkreismittelpunkt) Der Umkreismittelpunkt C liegt in der Ebene der drei Punkte und ist von allen drei Punkten gleich weit entfernt. Er ist ein Punkt **auf der Rotationsachse**. Berechnung über Baryzentrischen Koordinaten: ``` a² = |P₂ − P₃|² b² = |P₁ − P₃|² c² = |P₁ − P₂|² w₁ = a²·(b² + c² − a²) w₂ = b²·(a² + c² − b²) w₃ = c²·(a² + b² − c²) C = (w₁·P₁ + w₂·P₂ + w₃·P₃) / (w₁ + w₂ + w₃) ``` ### Schritt 3 – Rotationsachse ``` Achse: r(t) = C + t·n, t ∈ ℝ ``` --- ## Mathematik: N Marker, je ≥ 3 Positionen (Least Squares) Jeder Marker i liefert: - einen Schätzwert **Cᵢ** (Umkreismittelpunkt, Punkt auf der Achse) - einen Schätzwert **nᵢ** (Normalenvektor, Achsenrichtung) ### Achsenrichtung (gemittelt / PCA) Wegen möglichem Vorzeichenambiguität alle nᵢ auf dasselbe Halbraum ausrichten, dann: ``` n̄ = mean(nᵢ) / |mean(nᵢ)| ``` Robuster: **PCA** über die Matrix der nᵢ-Vektoren → erster Hauptkomponentenvektor. ### Achsenposition (Least Squares) Minimiere die quadratischen Abstände aller Umkreismittelpunkte Cᵢ zur gesuchten Geraden `r(t) = A + t·n̄`: ``` Abstand² von Cᵢ zur Achse = |Cᵢ − A|² − ((Cᵢ − A)·n̄)² ``` Ableitung null setzen liefert: ``` A = C̄ − (C̄·n̄)·n̄ + (C̄·n̄)·n̄ = C̄ (Referenzpunkt = Schwerpunkt der Cᵢ) ``` d. h., der **Schwerpunkt der Umkreismittelpunkte** ist der optimale Referenzpunkt auf der Achse. Die Achsenrichtung n̄ bleibt unverändert. **Verbleibender Fehler** (Residuum pro Marker): ``` εᵢ = |(Cᵢ − C̄) − ((Cᵢ − C̄)·n̄)·n̄| ``` Große εᵢ deuten auf einen fehlerhaften Marker oder eine nicht-rotatorische Bewegungskomponente hin. --- ## Praktische Empfehlung - **Mindestens 3 Zeitstempel** pro Marker, verteilt über einen Winkelbereich von ≥ 30° (sonst ist der Kreis numerisch schlecht konditioniert). - **3–4 Marker** mit je 3 Positionen sind ausreichend für eine stabile Schätzung. - Die Rotationswinkel müssen nicht bekannt sein – nur die 3D-Koordinaten der Marker. - Bei sehr kleinen Winkeln (< 10°) ist die Bestimmung numerisch instabil; größere Drehungen bevorzugen. --- ## Zusammenfassung ``` Eingabe: Marker-Positionen P[marker][timestamp] ∈ ℝ³ (mind. 3 Timestamps pro Marker, mind. 1 Marker) Pro Marker: 1. n_i = normalize((P2-P1) × (P3-P1)) ← Achsenrichtung 2. C_i = Umkreismittelpunkt(P1, P2, P3) ← Punkt auf Achse Kombination: 3. n̄ = normalize(mean(n_i)) ← beste Achsenrichtung 4. C̄ = mean(C_i) ← bester Referenzpunkt Ergebnis: Rotationsachse r(t) = C̄ + t·n̄ ```